Der Wunderapostel – Ein Meisterwerk spiritueller Dichtkunst


Die beiden spirituellen Romane Der Sonnenbruder und Der Wunderapostel des österreichischen Dichters Hans Sterneder (1889-1981) sind Anfang der 1920er Jahre erschienen (1922 und 1924) und haben seitdem mehrere Hunderttausend Leser erreicht. Anfang der 90er Jahre wurde die Geschichte rund um den Walzbruder Beatus Klingohr und seine Erlebnisse mit dem Wunderapostel fürs Kino verfilmt.

Die Romane spielen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und erzählen die Geschichte des Beatus Klingohr, seine Suche nach dem Wunderapostel, seine Begegnung mit dem erhabenen Meister und seine Erlebnisse mit ihm. Dabei hat die Geschichte durchaus auch autobiographische Züge. So nannte Sterneder, der selbst von 1909 bis 1911 als Walzbruder kreuz und quer durch Europa gezogen ist, den Sonnenbruder das Buch seiner Wanderjahre, und über den Wunderapostel schrieb er einmal:

„In dieser Zeit höchster Seelenkämpfe trat ein Mensch in mein Leben, ein Großer der Erde, ein gewaltiger, weltüberwindender, indischer Meister, dem, wie Shakespeare sagt, Dinge zwischen Himmel und Erde offenbar waren, von denen sich unser Menschenhirn nichts träumen lässt. Und nun begannen die großen Jahre meines Lebens. Weise führte er mich in die Geheimnisse der Natur. Rätsel um Rätsel sprang auf, immer gewaltiger enthüllte sich das Geheimnis des Lebens, das keine Wissenschaft durch ihre Methode zu lösen vermag! Im ,Wunderapostel‘ ist davon soviel niedergelegt, als notwendig ist, um den Sinn des Lebens und der Schöpfung zu enthüllen. “

Im Sonnenbruder lernen wir Beatus Klingohr als einen Walzbruder kennen, der ein schmerzhaftes Geheimnis mit sich herumträgt und der immer auf der Flucht vor sich selbst, vor seiner eigenen Vergangenheit ist. Ein schwerer Schicksalsschlag hat ihn hinausgetrieben auf die Landstraße, fort aus der Geborgenheit seines alten Lebens und hinaus auf die harte Straße – mitten hinein in die bunte Welt der Landstreicher und Vagabunden. Doch das Schicksal meint es gut mit ihm. Beatus ist ein Liebling von Mutter Natur. Mit warmer Liebe offenbart sie ihm all ihre Schönheiten. Er genießt die unbeschwerte Leichtigkeit der Sommertage und die herzliche Freundschaft seiner Wanderbrüder. Aber er bekommt auch die erbarmungslose Härte des Winters zu spüren und die versteinerte Ablehnung kalter Herzen.

So erlebt Beatus beides: Himmel und Hölle, Freude und Niedergeschlagenheit. Doch bei all dem Erleben kreisen seine Gedanken immer wieder um den Sinn des Lebens, die Geheimnisse der Natur und – um Gott. Als er sich schließlich aufmacht, den Wunderapostel zu suchen, beginnt eine dramatische Suche auf Leben und Tod …

Im Wunderapostel begegnet Beatus endlich dem Heißersehnten und zieht an seiner Seite durch die Lande. Und er erlebt Unglaubliches. Der Wunderapostel ist ein Eingeweihter, ein indischer Meister, der über ein unergründliches Wissen verfügt und unfassbare geistige Kräfte besitzt, Herr über die Materie zu sein scheint und sogar Heilungen bewirkt. Er enthüllt Beatus Schöpfungsgeheimnisse, die nur wenigen Eingeweihten bekannt sind. Für Beatus beginnt ein ganz neues Leben. Tiefer und tiefer führt ihn der Wunderapostel ein in die Geheimnisse des Seins, enthüllt ihm die geistigen Zusammenhänge alles Lebens und löst die schmerzhaften Bande auf, die Beatus einst auf die Landstraße getrieben hatten. Beatus ist glücklich, selig, doch dann kommt die Stunde des Abschieds ...

Hans Sterneder ist mit seinem Einweihungsroman vom Wunderapostel etwas Einmaliges gelungen: die Verschmelzung von hoher Literatur und tiefer Geistigkeit, die Einheit von Sprache und Erkennen. Er machte ihn zum großen Mystiker des 20. Jahrhunderts und zum Künder des bereits heraufziehenden Wassermann-Zeitalters. Nicht umsonst gilt Sterneder als Dichter des Menschheits-Urwissens.

Die Literaturverfilmung der beiden Romane von 1993 ist eine besondere Kostbarkeit und einer der eindrucksvollsten spirituellen Filme der deutschen Kinogeschichte Es gibt nur wenige spirituelle Spielfilme dieser Güte. Er wurde konzipiert als Gegenstück zu üblichen Unterhaltungsfilmen und soll dem Zuschauer die Möglichkeit bieten, sich mit geistigen Werten auseinanderzusetzen. 1993 hatte der Film Premiere und lief mehrere Jahre erfolgreich in den Kinos. Er beeindruckt nicht nur durch seinen spirituellen Gehalt, sondern ebenso durch die wundervollen Naturaufnahmen, die liebevolle Gestaltung des Bühnenbildes und die kraftvolle Musik. Der Film ist wie die Bücher – voller Schönheit, Weisheit und Tiefe.


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Resonanz und Wirkung

Die Romane erlebten zu Lebzeiten Hans Sterneders viele Auflagen, „Der Sonnenbruder“ von 1922 bis 1969 zehn und „Der Wunderapostel“ von 1924 bis 1977 vierzehn. Nach Sterneders Tod wurde „Der Sonnenbruder“ noch viermal als Taschenbuch aufgelegt und „Der Wunderapostel“ sechsmal. 2008 hat der Eich-Verlag beide Romane wieder als Hardcoverausgaben neu aufgelegt, den Wunderapostel 2013 zusätzlich als Taschenbuch.

Die Resonanz auf die Romane in der Leserschaft war von Anfang an  phänomenal. So heißt es in einer Dissertation über Leben und Werk Hans Sterneders von Fritz Arno Weisse (1941):

„Sterneder hat die Pressestimmen über seine Werke nicht gesammelt, weil sie für ihn nichts anderes bedeuten, als die jeweilige persönliche Stellungnahme eines kritischen Fachmannes. Weitaus mehr kündet ihm ein anderer Gradmesser seiner Bedeutung: Die Briefe aus der Feder des Lesers. Mit einem Stolz, zu dem kaum ein zweiter Dichter unserer Zeit berechtigt wäre, weist er heute auf eine Sammlung von rund 25 000 Briefen aus allen fünf Erdteilen.

Und gerade der ,Wunderapostel‘ ließ seine Wirkungswellen über die ganze Erde kreisen. Ein flüchtiger Blick auf die Absender einiger Briefe diene zum Beweis: Da schrieben ihm deutsche Bauern, Arbeiter, Bürger, Gutsbesitzer, Mitglieder alter Fürstenhäuser, Hochschüler, Universitätsprofessoren, ferner Leser aus Russland, aus Italien, aus Frankreich, mexikanische Priester, argentinische Plantagenbesitzer, brasilianische Kaufleute, Ingenieure aus Peru, Chile und Bolivien, Kaufleute aus New York, eine Diamentenhändlerin aus San Franzisco, Deutsche aus Australien, Engländer aus Indien, eine Plantagenbesitzerin aus Java, mehrere Pflanzer aus Afrika, eine indische Fürstin, chinesische Studenten, Universitätsprofessoren aus Tokio. Unter diesen Briefen, deren Vielfalt nicht mehr zu übersehen ist, befindet sich kein einziges Autogrammansuchen der üblichen Art. Sie alle sind ernste Zeugnisse des Dankes und der glühenden Zustimmung. Lebensverzweifelte Menschen schreiben dem Dichter, sein Buch hätte sie vor dem Selbstmord bewahrt. Ungezählte danken ihm, dass er ihrem zerstörten oder inhaltsleeren Leben Ziel und Halt gegeben hatte, Tausende schreiben ihm, dass sie, die bisher blind durch die Welt gingen, durch sein Werk sehend geworden wären und sich in die Wunder des Alleinheits-Wissens eingefügt fühlten.“

F. Dietrich schrieb in einer Extraauflage der Zeitschrift ARVE (Zeitblätter zur Verinnerlichung und Selbsterkenntnis) zum 60. Geburtstag Hans Sterneders 1949 einen Aufsatz mit dem Titel „Hans Sterneder – dem Künder der Lebensgeheimnisse zum 60. Geburtstag“. Über die Romane „Sonnenbruder“ und „Wunderapostel“ schrieb er:

„So ging Hans Sterneder wohlausgerüstet mit den besten öffentlichen Worten an die Verwirklichung seines weiteren Planes, sich die Erlebnisse seiner fast dreijährigen Wanderzeit von der Seele zu schreiben. Und so entstand ,Der Sonnenbruder‘. Hier führt er den Leser mit einer solchen Stärke an das Herz der Natur, dass er ihren lebendigen Pulsschlag fühlt.

Nachdem Sterneder dies zweite Werk geschrieben und die Natur in ihrer erhabenen Schönheit und ihrer Durchseeltheit aufgezeigt hatte, konnte er es nach dieser Vorbereitung wagen, den dritten Schritt zu tun, dem er sich mit der ganzen Hingabe seines Lebens verschworen hatte: Der Aufzeigung der Durchgeistetheit und Durchgottung des Lebens, der Natur und der ganzen Schöpfung in seinem dritten Buch ,Der Wunderapostel‘.

Und er tat es so meisterhaft, dass man wohl behaupten darf, dass diese Tat in der gesamten europäischen Literatur einmalig dasteht und man weder vor ihm noch um ihn ein auch nur ähnliches Buch findet. Dieses Werk wurde mit einer Bewunderung in der Presse und mit einem Jubel der Menschen aufgenommen, wie es wohl kaum einem Buch sonst zuteil wird. Weit über 60 000 Briefe aus allen fünf Erdteilen kamen in Sterneders stilles Berghaus. Einfache Arbeiter, Bauern, Lehrer, Hochschulstudenten, Ingenieure, Kaufleute, Priester, Offiziere, höchste Adelige, Künstler – alles wandte sich an ihn und dankte ihm für die erlösende Tat. In tiefster Dankbarkeit bekennen viele Zehntausende, dass ihr Leben durch dieses Buch verwandelt wurde, weil es ihnen den Sinn des Lebens aufgeschlossen. Der ,Wunderapostel‘ ist ihnen zur Bibel geworden und lässt sie - um mit den Worten des Dichters Ludwig Huna zu reden – ,Zeit ihres Lebens von seinen Schönheiten und Weisheiten nicht mehr loskommen‘. Universitätsprofessor Burger sagt von diesem Buch, dass es zu den schönsten und wertvollsten Büchern der Weltliteratur gehöre und er sich an keines erinnern könne, das einen derart tiefen und nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht hätte.

Diese im ,Wunderapostel‘ geöffnete neue Welt baut Sterneder nun nach verschiedenen Richtungen und mit jeweils wechselnden Mitteln in den folgenden Werken aus.“

Zwanzig Jahre später schrieb Dietrich anlässlich Sterneders 80. Geburtstag den Artikel „Der ,Wunderapostel‘ des Wassermann-Zeitalters“ in „Die andere Welt - Monatsschrift für geistiges Leben und alle Gebiete der Geisteswissenschaften“, der späteren ESOTERA:

„Im ,Sonnenbruder‘ und dann in der Schilderung der Durchgeistigung und Durchgottung des Lebens, der Natur und der ganzen Schöpfung in seinem grandiosen ,Wunderapostel‘; ein literarisches Werk, in dem sich echte Dichtkunst und Geisteswissen vereinigen, um in die Tiefen des Ur-Wissens, der Ur-Religion zu steigen und Belange in künstlerisch vollendeter Form zu verkünden, die Wissenschaftler und geisteswissenschaftliche Forscher in ihren Werken kaum anzudeuten wagten. Es wurde von der Presse, vor allem aber von den geistig Strebenden mit Bewunderung, mit jubelnder Begeisterung aufgenommen, denn es erschloß Ungezählten den Sinn des Lebens und ließ sie ,zeit ihres Lebens nicht mehr von seinen in Schönheit kristallklar gefaßten Lebensweisheiten loskommen‘, wie u. a. der Dichter Ludwig Huna bekannte.“

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